Limburger Domsingknaben

Domsingknaben in England

EINE ODYSSEE IN 5 AKTEN

Akt 1 - Die Anreise

Es ist 4 Uhr am Morgen. Der Bus ist gut gefüllt, kaum einer findet einen Platz für sich alleine. Die räumliche Freiheit ist begrenzt, dennoch ist es heimlich. Ich hatte das Vorhaben, ein wenig Schlaf zu finden (man bedenke die frühe Stunde am Morgen), doch das Adrenalin der Knabenstimmen und Unfähigkeit meinerseits, eine geeignete Schlafposition zu finden, räumen diesen Plan jäh aus dem Weg.  Ein London affiner Busfahrer übernimmt bei Aachen und fährt uns sicher nach Dünkirchen. Wir entern nach erfolgreicher Lichtbildkontrolle die Fähre nach Dover. Durch die engen Gänge der Parkdecks geschlängelt, erreichen wir die Bar auf Deck 6. Die Männerstimmen freuen sich über einen freien Platz nahe der Tür zum Außendeck in Front eines Newsscreens. Dort berichtet BBC 2 über das Sturmtief Kathie, welche über der Südküste Englands ihr Unwesen treibt. Ihre Auswirkungen spürt jeder, welcher einen Schritt an Deck gewagt hat: eine Böe jagt die nächste, der Wind richtet oder zerstört das Frisurwerk des Morgens, jeder an Deck studiert die Kraft des Windes, indem er sich gegen ihn lehnt und hofft, nicht umzufallen. Nach 2 Stunden ist dieses Spektakel beendet, der Kampf wurde von uns gewonnen, der Wind ist in Dover gewichen. Die weißen Klippen heißen uns Willkommen. Weiter geht es im Bus: im London Autobahnring wird unsere Fahrt ausgebremst. Der Berufsverkehr lässt uns 2km in 2 Stunden zurücklegen (satte 16 Meter pro Minute), nach 17 Stunden Fahrt erreichen wir im Dunkel der anbrechenden Nacht unser Ziel Lichfield.

Akt 2 - The Lichfield Episode

Müde und erschöpfte Gestalten entströmen dem Bus. Ein altes Steinhaus, später erfahren wir, dass es Bischofs Palace genannt wird und heute Sitz der Chorschule ist, nimmt uns auf. Drinnen gibt es Pizza, der Stau hat sie erkalten lassen. Dennoch wird gespeist und anschließend die Chormitglieder an Gastfamilien verteilt. Einige Männer und Knabenstimmen verbleiben jedoch im Internat. Dort ist es alles sehr alt und gemütlich, ich kann leider nicht über die Erlebnisse dort berichten, da ich eine Gastfamilien Kind war. Ich werde Familie Walker zugewiesen. Wir unterhielten uns die beiden gesamten Abende lang über Gott und die Welt, Musik, der Chor und die englische Kultur waren Hauptgesprächsthema, ich lernte viel, es war eine Bereicherung. Am nächsten Morgen trafen sich alle im Internat. Es gab Traditional English Breakfast: Bacon, Sausages and Beans. Dazu wurde Toast gereicht. Anschließend probte man in der kleinen Kapelle der Chorschule, die direkt an die Mensa angrenzt, durch einen Gang voneinander getrennt. (also fast so wie in Hadamar #Heimatgefühle) Auf die Probe folgte eine Stellprobe in der Kathedrale von Lichfield.

Wir begaben uns zum Bürgermeisterempfang in die Guild-Hall von Lichfield. Der Bürgermeister hieß uns Willkommen. Wir wurden mit Kaffee, Tee und Biskuits verköstigt (dabei war doch noch gar keine Tea-Time!), der Bürgermeister, welcher nebenbei erwähnt gar keine politische Macht, sondern bloß repräsentative Funktionen innehat, hielt eine kleine Rede und eine Stadtführerin führte uns durch das Rathausgebäude inklusive Besichtigung der Kerker.

Es ging zurück zur Kirche. Das folgende Konzert war zufriedenstellend, vor allen, da die Kirche sehr gut gefüllt war. Wir befriedigten unseren Hunger mit einem Buffet, welches von den Gasteltern zusammengestellt wurde. Familie Walker nahm uns freundlicherweise anschließend durch eine kleine Tour durch Lichfield mit. Wir sahen die putzige Altstadt, erwähnenswert ist das Geburtshaus von Samuel Jonsson, dem Verfasser des ersten englischen Wörterbuches.

Nach Beendigung der Führung ging es zurück in die Gastfamilien oder in das Quartier im Internat.

Am nächsten Morgen brachen wir nach einer Kirchenführung von Lichfield aus auf in Richtung London. Unser erster Zwischenstopp auf dieser Fahrt war Coventry. Diese kleine englische Ortschafft wurde durch deutsche Luftangriffe im 2. Weltkrieg schwer zerstört, die Ruinen der Kathedrale (identisch mit dem Grundriss der Kathedrale von Lichfield) wurden von uns besichtigt. Die Stadt an sich wurde nach den Angriffen, welche Coventry besonders schwer trafen, da die Flugzeuge der Deutschen nur bis hierhin eine Reichweite hatten, im klassischem Beton- 50er Jahre Stil wiederaufgebaut und ist deshalb keine Besichtigung wert. Unser nächster Halt waren die Leavesden- Studios, besser bekannt unter den "Harry-Potter- Tour Studios". 4 Stunden verbrachten wir dort, eine lange Zeit für jemanden der nichts mit dem Zauberer mit Nickelbrille und Narbe am Zauberhut hat (und davon gab es erstaunlich viele von unter uns #Muggel). Aber viele ließen sich von der Tour verzaubern. (ich liebe Wortspiele). Im Detail möchte ich nicht auf die zig Tausend Exponate eingehen. Kurz gesagt: die gesamte Entwicklungslinie der Hepatologie wurde anschaulich präsentiert, begonnen mit Konzeptskizzen, ersten Papiermodellen, hinzu Kostümen, visuellen (Illusion) und speziellen (Feuer, Roboter) Effekte und schließlich (mit diesen begann die Ausstellung, warum auch immer) den großen Kulissenbauten. Viele verließen die Studios mit Zauberstäben bewaffnet oder mit anderen (teuren) Souvenirs.

Akt 3 - London, oder: Sonne, Singen, Souvenirs

Am Abend erreichten wir unser Hostel, im East End von London gelegen, direkt an der Brick Lane 15 Gehminuten von der Tower Bridge. Die Zimmer sind ein wenig klein aber schön, die Mahlzeiten waren reichlich und gut.

Der Abend wurde durch einen Gang zur Tower Bridge beendet.

Am Morgen stand nach dem Frühstück eine Stadtrundführung zu den meisten Sehenswürdigkeiten der City of Westminster an. Zwei kompetente Führer leiteten uns in zwei Gruppen: begonnen an der U-Bahn-Station Embankment mit London Eye, Westminster Palace (Ort des Parlaments, Turm: Big Ben), zur Horse Guards Parade, der Downing Street, Trafalgar Square und über die Mall (königliche Prachtstraße) weiter zum Buckingham Palace, geradewegs durch den Green Park zum Picadilly Circus, dem Ende der Tour. 

Im Hotel wurde gespeist und sich dann, im Konzertanzug in den U-Bahn zwängend, auf zur Southwark Cathedral gemacht. Der eingefleischte Brite spricht diese Kirche übrigens (es folgt Lautschrift) „Sassak“ aus. Am Themsenufer gelegen, im Schatten von "The Shard", dem höchsten Gebäude Europas, sangen wir in dieser Kirche ein einstündiges Konzert in Kooperation mit Ensemble Rossignol. Die Kirche war erstaunlicher Weise, wir hatten Werktags und Nachmittag, gut gefüllt. Viele der Eltern waren anwesend, erkennbar an den Handys und Kameras vor Ihren Gesichtern.

Mit eben diesen verbrachten deren Kinder den Abend. Die anderen verbrachten diesen gesellig im Hotel.

Der vorletzte Tag in London brach an. Das Wetter zeigte sich abermals von seiner Sonnenseite. London besser kennen zu lernen stand auf dem Programm und wie kann man das besser, als aus der Luft. Deshalb: ab zum London Eye. Doch wir wurden jäh ausgebremst. Unsere Tickets für die Tube galten erst ab 9:30. Nun war es leider erst 9:10 und wir hatten keine Lust 20 Minuten unserer wertvollen Zeit zu vergeuden. Am Tag zuvor hatte uns der Tube-Mitarbeiter noch unter der Ansage „I'll lose my job for this!“ uns vor der Zeit durch die Absperrung gelassen. Um dies nicht noch einmal ausreizen zu wollen, wurde eines unsere Konzertstücke angestimmt. I ve ye love me erklang im Untergrund. Doch der nun nicht mehr so unbürokratische Mitarbeiter verliebte sich nicht in unseren Gesang und würgte uns mit den Worten „Do you have got a permission to sing?“ ab. Dann mussten wir eben warten. Danach nun zum Auge Londons.  Nach einer Einstimmung in einem 4D Kino (3D-Film über das London Eye, die 4. Dimension sind Effekte wie Nebel, Wasser, Luft, Seifenblasen) ging es in eine der 32 Kapseln (eine Kapsel gehört jeweils einem Stadtteil...und Coca- Cola). Aus der Vogelperspektive ließen sich alles Sehenswürdigkeiten bei bestem Wetter mit Weitblick sehr gut betrachten. Mit dem Doppeldeckerbus fuhren wir zur Exhibitionroad, quasi das Museumsviertel von London. Dies beherbergt beispielsweise das berühmte National History Museum, das Science Museum und das Victoria und Albert Museum. Zwischen letzteren konnten die Mitreisenden wählen und eines besichtigen. Natürlich waren 2 Stunden nicht ausreichend für einen Besuch.

Der Tag wurde durch den Besuch des Evensong in Westminster Abbey, der anglikanischen Haupt- und Krönungskirche vollendet. Vor allem Herr Gries, ein glühender Royalist, war erfreut von diesem Gottesdienst mit Gebeten für die Königsfamilie. Es wurde Abend, es wurde Nacht. Der letzte Tag bricht an.

Dieser begann mit einer Busfahrt. Ungewohnt für die Reisenden, welche die letzten Tage überwiegend U-Bahn Kilometer geschrubbt haben. Das Ziel der Fahrt war die Westminster Cathedral, ein Gebäude, welches sich nicht entscheiden kann, ob es Kirche oder Kohlekraftwerk sein möchte. Schwarze, hohe Kuppeln ruhten über uns, während wir die Messe auf Latein gestalteten. Warum man eine Messe heut zu Tage noch auf lateinisch feiert, welches man durch die Lautsprecher noch weniger verstand, weiß ich allerdings nicht. Tempus fugit, schnell war es vorüber. Im Bus gab es die Möglichkeit sich umzukleiden, anschließend fuhr man zum House of Parliament. Eine kompetente Führerin leitete uns durch dieses ehrwürdige Gebäude, wir erkundeten das rote Ober- und das grüne Unterhaus, erfuhren viel über Geschichte und die britische Politik.

Wir fuhren zurück ins Hotel um dort nach dem Essen in der dem Hostel angrenzenden deutschen Gemeinde den Gottesdienst zu gestalten. Dies taten wir auch und schlossen mit einem kurzen Konzert. Dies war der letzte offizielle Teil dieser Reise, der Rest des Abends war zur freien Verfügung. Einige Männerstimmen probierten zusammen mit Mitgliedern von Ensemble Rossignol, ob die Alkoholdehydrogenase noch funktioniert. Der Zustand mancher Mitglieder war erbärmlich. Aber genug der Wertung.

Der Übergang zwischen Nacht und Tag verwischte bei den meisten also, doch am nächsten Morgen brachen wir die Heimreise an. Diese verlief ohne uns in unserer Heimreise ausbremsenden Ansammlungen von Verkehrsteilnehmern, sodass wir um 22 Uhr erschöpft, aber mit vielen Erfahrungen beladen, unsere Heimat erreichten.  

Akt 4 und 5 entfallen, because I got no permission to write.

Doch am Ende sei gesagt: Ich weiß jetzt alles über Kühe.

von Tim Hacker